Lius Ayurveda-Kur: alle Erwartungen übertroffen!

Liu berichtet: Vom 30.1. bis zum 24.2.2018 habe ich eine Ayurveda-Intensiv-Kur in Kerala-Indien im Haus „Arnika“ in der Nähe von Trivandrum in einer familiären nicht kommerziellen Einrichtung gemacht.

Die Vielschichtigkeit der erlebten Kur

Diese Ayurveda-Kur war für mich die erste Ayurveda-Behandlung, und sie hat alle meine Erwartungen übertroffen. Direkte unmittelbare und auch spätere Wirkungen erfuhr ich nicht nur auf der physisch-körperlichen Ebene. Die Wirkungen hatten auch eine psychische, emotionale, seelische und kulinarische Dimension. Aufgrund dieser Vielschichtigkeit bleibt eine Beschreibung möglicherweise immer hinter dem zurück, was wirklich erlebt und erfahren wurde. In den folgenden Ausführungen will ich die für mich subjektiv wichtigen Besonderheiten und Erfahrungen hervorheben. Der allgemeine Ablauf einer Ayurveda-Kur kann auf der Homepage des Hauses „Arnika“ nachgelesen werden.

Der familiäre Kontext

Ganz besonders positiv erlebte ich die gelungene Integration in den familiären Kontext während der gesamten Kur. Heidi und Tayakumar als interkulturelles Ehepaar und als Anbieter und Organisatoren der Kur waren viel mehr als das:

  • Sie waren Berater, Betreuer und Kümmerer 24 h am Tag,
  • sie waren Erzähler von Geschichten und Informationen und liessen sich jederzeit auf spannende Diskussionen ein;
  • sie waren Ratgeber, Köche, Übersetzer, Fremdenführer und Geographie- und Geschichtslehrer.

Und vieles mehr. Neben mir waren zwei weitere Kurteilnehmer während der gleichen Zeit bei der Kur dabei, also insgesamt eine kleine Gruppe. Sie bildete die Kernfamilie. Daneben gab es auch eine Grossfamilie: dazu gehörten zusätzlich noch der begleitende Ayurveda-Arzt, der alle zwei bis drei Tage Zwischenuntersuchungen und Beratungen machte, sowie die Köchinnen und die Therapeuten (Massagen, Behandlungen). Die ganze Gruppe erlebte ich wie eine grosse Familie.

Dieser familiäre Kontext und die dadurch gemachten zwischenmenschlichen Erfahrungen schafften viel Nähe zwischen allen Beteiligten. Dies wirkte sich sehr positiv auf mein tägliches Wohlbefinden und auf die Behandlungen der Kur aus. Dieser angenehme und vertrauensstiftende familiäre Kontext machte den eigentlichen Mehrwert dieser Kur im Vergleich zu den meisten anderen fast ausschliesslich kommerziell betriebenen Kur-Anbieter wie Kliniken und Ressorts aus.

Arzt-Begleitung

In Indien gibt es zwei ofizielle staatlich anerkannte und geförderte Gesundheitssysteme, das Ayurveda-Gesundheitssystem und das an unserer westlichen Schulmedizin orientierte Gesundheitssystem. Beide Systeme haben ihre eigenen Logiken und Philosophien, ihre eigenen Krankenhäuser, ihre eigenen Ärzte, ihre eigenen Medikamente und Behandlungsabläufe, und ihre eigenen Wissenssysteme. Ein Arzt der westlichen Schulmedizin muss sieben Jahre studieren, um Arzt zu werden, dasselbe gilt auch für den Ayurveda-Arzt. Beide Systeme funktionieren in Indien parallel und gleichberechtigt nebeneinander.

Vor der Ayurveda-Kur untersucht der Ayurveda-Arzt den „Patienten“ und bestmmt seinen Energietypen (Dosha) aufgrund seiner Eigenschaften: Pitta, Vata, Kapha oder Kombinationen zwischen zwei davon oder zwischen allen dreien (Tridosha). Auf der Grundlage dieser Untersuchung wird der Behandlungsplan erstellt. Zu diesem Plan gehören nicht nur die körperlichen Behandlungen wie Massagen, sondern auch das tägliche Essen und wenn nötig Ayurveda-Medikamente. Die Umsetzung des Behandlungsplans wird vom Arzt durch regelmässige Besuche begleitet und beraten.
Mein Energietyp ist „Pitta-Vata“. Alle drei Doshas, also Pitta, Vata und Kapha müssen bei jedem Menschen im Gleichgewicht sein, um gesund zu bleiben.

Das Essen während der Ayurveda-Kur

Das Essen während der gesamten Kur war vegetarisch und landesüblich (Kerala-südindisch), sehr abwechslungsreich u schmackhaft mit viel verschiedenen Gewürzen. Immer ist Reis dabei, manchmal auch Tapioka (Yuca), verschiedene Gemüse wie Rote Beete, Kürbis u viele verschiedene Gurken warm gekocht, Karotten, Bohnen, Linsen, Dhal (Kichererbsen), Zucchini u viel Kokosnuss; manchmal Baumfrüchte, wie z.B Amla, u Bananen, Ananas od Papaya zum Nachtisch. Alles immer mit diversen schmackhaften Gewürzen. Frühstück gibts um 7:30 Uhr, Mittagessen um 13 Uhr und das Abendessen um 19 Uhr.

Beeindruckend und ein kulinarischer Hochgenuss ist die Vielfalt an Gewürzen! Tagsüber gab’s – immer verfügbar – speziellen wohltuenden Kräuter-Gewürztee, um den Stoffwechsel anzuregen.

Die Behandlungsabläufe

Insgesamt waren es drei Blöcke der Behandlung von je sieben Tagen plus jeweils einen Tag Reinigung, Entschlackung u Ausleitung („Purification-day“). Die Behandlung war spezifisch auf meinen Energietypen „Pitta-Vata“ ausgerichtet. Erster Block: Intensive Anregung des Stoffwechsels, 2. Block: Harmonisierung der drei Doshas Vata, Pitta, Kapha, 3. Block: Stabilisierung.

  1. Anregung des Stoffwechsels

    Ganzkörpermassage mit warmem Öl (Kokos, Sesam) u Kräutern zw 30 Min und 1 h durch ausgebildeten Therapeuten. Danach 30 Min ausruhen u nachmittags nochmal 30-minütige Ganzkörpermassage, danach 20 Min Dampfbad im Schwitzkasten, danach Nasenbehandlung mit Nasentropfen (Nasyam). Dieser Rhythmus wiederholt sich die nächsten 6 Tage, bis Mo 5.2. Die Behandlung ist anstrengend, obwohl sie sich nicht so anfühlt. Ich bin immer sehr und viel müde und total geschafft, als ob ich Schwerstarbeit verrichtet hätte.

  2. Harmonisierung der drei Doshas

    Die Behandlung besteht in leichter Synchronmassage durch 2 Therapeuten mit viel warmen Ölgüssen: Pizhihill. Ist sehr wohltuend. Danach 30 Min ausruhen. Nachmittags Stirnguss (Shiro Dara) mit warmem Öl und Nasentropfen in die Nase träufeln (Nasyam) durch einen Therapeuten.

  3. Stabilisierung

    Nach Nasenbehandlung um 7:30 h um 9:30 Uhr eine Stunde „stempeln“ mit warmem Reis-Milch-Kräutersud-Mix in Leinensäckchen abgepackt (Navali-Kizhi), nachmittags kalter Stirnguss mit Reis—Milch-Yoghurt-Kräutersud-Mix u danach Nasenreinigung mit Nasyam.

    Vor der Nasenbehandlung morgens Kopf u Gesicht massieren, danach Gesichtsdampfbad u Inhalation von heissem Dampf aus Sud mit Kräutern u Wurzeln über der Kochplatte; dann hinlegen und Nasentropfen (Nasyam) in beide Nasenlöcher träufeln und in die Nase hochziehen; hinsetzen und nochmal Gesichtsdampfbad u Inhalation; danach mit speziellem Kräuterssud (Cashaya) gurgeln u Rachenreinigung.

    „Stempeln“: Körper mit kühlem Kräuter-Milchwasser begiessen u einreiben; danach mit in 4 Leinensäckchen abgefüllten heissen Mischungen aus abgekochter Frisch-Milch, gekochtem u heißem Nawali-Reis u flüssigem Kräuter-Sud (zwei verschiedene Zusammenstellungen in Wasser gekocht = Cashaya) wird der ganze Körper betupft u massiert (warm bis sehr heiß), im Liegen von vorne und von hinten; immer mit zwei Therapeuten, die synchron auf jeder Körperseite mit je zwei Säckchen betupfen u massieren; am Schluß wird die aus den Säckchen herausgedrückte klebrige teigige Masse auf der Haut verteilt.

Beweg- und Hintergründe

Seit ca 5 Jahren habe ich mit dem Gedanken gespielt, eine solche Kur zu machen, nachdem ich zuvor immer mal wieder Erfahrungen und Kommentare von Freunden und Bekannten gehört und ich mich zusätzlich über das Internet zum Thema Ayurveda informiert hatte. Wichtige Motive diese Kur zu machen waren:

  • Neugier auf neue Erfahrungen und speziell auf Ayurveda als einer auf tausendjährigen Erfahrungen basierenden Gesundheitspraxis und Lebensphilosophie, und als einem auf Vorbeugung und Ganzheitlichkeit ausgerichteten Gesundheitsansatz;
  • die Erwartung durch eine Kur neue Erkenntnisse zur Frage „Wie kann ich gesund alt werden?“ zu erlangen;
  • mehr über die Ayurveda-Küche als einem wichtigen Baustein der Ayurveda-Lebens-Philosophie zu erfahren und diese konkret zu erleben.

Das Interesse an einer Ayurveda-Kur wurde verstärkt durch die zunehmenden Frustrationen und Zweifel an der deutschen bzw westlichen Schulmedizin, speziell dem deutschen Gesundheitssystem, dessen Defizite, Widersprüche und Unzulänglichkeiten in den letzten Jahren enorm zugenommen haben. Die Gesundheitsfürsorge wird zunehmend privatisiert und der Logik des wirtschaftlichen Profits unterworfen. Der Patientennutzen ist zweit- oder drittrangig geworden.

Dies drückt sich u.a. aus durch:

  • Immer mehr Symptombehandlung statt Ursachenbeseitigung;
  • vorbeugende Maßnahmen verschwinden zunehmend zugunsten teurer OPs (Fallpauschalen);
  • die Krankheit steht im Mittelpunkt, der Mensch-Patient wird selten und von immer weniger Ärzten als ganzheitliches Wesen wahrgenommen – keine Zeit für Gespräche und zum Zuhören;
  • das langjährige Erfahrungswissen zu traditionellen Vorbeugungs- und Heilmethoden wird zunehmend ersetzt durch akademisches und Laborwissen, bzw Gutachterstellungnahmen, sowie durch Pharmaprodukte;
  • das Wohlergehen des Menschen bzw Patienten wird den wirtschaftlichen Interessen v.a. der Krankenhaus- und Pharmalobby geopfert.

Warum in Indien?

Der Bundesstaat Kerala gilt als Ayurveda-„Kernland“. Ayurveda-Kliniken und -Ressorts gibt es in Kerala viele. Die Qualität der Behandlungen variiert enorm von Klinik zu Klinik und von Ressort zu Ressort.

Einige Kliniken und Ressorts sind stark auf Regeneration und Wellness ausgerichtet und vermitteln Urlaubsfeeling. In anderen Kliniken und Einrichtungen geht es ausschließlich um Heilung; alles andere tritt in den Hintergrund. Viele der auf Wellness hin orientierten Ressorts befinden sich an der Küste bzw direkt am Strand. Aus Ayurveda-Sicht sind dies keine adäquaten Standorte für traditionelle und authentische Ayurveda-Kuren. Kerala hat neben der Küsten- auch eine Gebirgsregion, wo ein für Europäer sehr angenehmes Klima bis in den Juni hinein vorherrscht.
Die klassische Kur-Zeit ist die Regenzeit (Monsun) von Juli bis Oktober. „Westliche“ Besucher ziehen allerdings den „Frühling“ zwischen November und März vor. Danach wird es sehr heiß und trocken. Viele Einrichtungen und Ressorts unterbrechen ihre Kur-Angebote in der Monsunzeit (Juni – Sept) und bieten ihre Kuren v.a. zw Oktober und März an.

Ayurveda-Logik und -Verständnis

Nach der Ayurveda-Philosophie sollen die drei Dosha-Energietypen Kapha, Pitta und Vata ausgeglichen sein, um ein gesundes langes Leben erreichen zu können. Jeder Mensch wird einem oder mehreren Doshas zugeordnet, je nach Eigenschaften und Konstitution des einzelnen Menschen. Neben den reinen Kapha-, Pitta- und Vata-Typen gibt es viele Menschen mit Kombinationen, z.B. Pitta – Vata; in diesem Fall überwiegt Pitta, aber auch Vata ist untergeordnet präsent. Es gibt auch die Tridosha-Typen, bei denen alle drei Doshas gleichmässig vorhanden sind. Dieser Typ wird selten krank u ist fast immer ausgeglichen.

Wenn ein Dosha überwiegt bzw ein od zwei der anderen Doshas schwächer werden, gibt es ein Ungleichgewicht, das zu Krankheiten führen kann. Bei der Ayurveda-Kur wird versucht, das Gleichgewicht der drei Doshas wieder herzustellen und zu stabilisieren. Die Ernährung hat ebenfalls immer grossen Einfluß auf das Gleichgewicht der Doshas, auch die Haltung der Person sowie seine soziale Umgebung und Atmosphäre hat Auswirkungen auf dieses Gleichgewicht.

Ist z.B. jemand ein reiner Pitta-Typ (Feuer) mit viel Verdauungsfeuer, besteht die Gefahr durch bestimmte Lebensmittel oder Ärger und Wut die Pitta weiter zu erhöhen u damit ein Ungleichgewicht mit den anderen beiden Doshas herzustellen.

Der Pitta-Typ sollte versuchen, Pitta zu reduzieren und Vata und Kapha aufzubauen, z.B. durch bestimmte Essgewohnheiten. Vata-Typen werden am häufigsten krank (ca 80 Krankheiten), Pitta-Typen am zweitmeisten (40 Krankheiten) und Kapha-Typen noch weniger (20 Krankheiten). Tridosha-Typen mit ihrem Gleichgewicht zwischen den drei Doshas werden theoretisch weniger krank als die anderen beiden Energietypen.

Ein bestimmtes Essen kann für einen Energietypen z.B. Vata gut u gesund sein, für einen anderen Dosha-Typ kann das gleiche Essen oder Medikament genau das Gegenteil bewirken. Für den „heißen“ Pitta-Typ z.B. sind Kokos- u Oliven-Öl gut, sie gelten als „kalt“.

  • Vata-Typ (Luft+Äther) / trocken: Hauptsitz ist der Dickdarm. Vata besteht primär aus dem Luft-, und sekundär aus dem Ätherelement. Es wirkt durch das Nervensystem u kontrolliert alle Bewegungen und Transportsysteme des Körpers und der Atmung. Jede Bewegung erhöht Vata; Hauptbeschwerden Gelenkschmerzen. Gute Ernährung: Saure und süße Speisen.
  • Pitta-Typ (Feuer+Wasser) / heiß: Hauptsitz ist der Dünndarm. Pitta besteht primär aus dem Feuer-, und sekundär aus dem Wasserelement. Es wirkt durch das enzymatische und das endokrine System. Es kontrolliert den Energiehaushalt und die Elektrolytbalance des Körpers. Alle biochemischen Prozesse beinhalten das „Kochen“ oder Verarbeiten der fünf Elemente – auch das „Kochen“ und „Verdauen“ von Gedanken u Informationen, die der Geist aufnimmt. „Heisses“ Essen und Klima erhöhen Pitta; Hauptbeschwerden: Hautprobleme, Augen, Sodbrennen. Gute Ernährung: Bittere, herbe und süße Speisen.
    Bitter: grüne Gemüse, Chicore, Artischocke , Salate, Gartenkräuter;
    Herb: Hülsenfrüchte, Salate, Koriander, Kurkuma, Grüntee.
    Süß: Früchte, Nüsse, Trockenfrüchte, Pudding, Obstkuchen, Apfelstrudel, Eiscreme, Halva.
    Generell gut sind kühle, leicht ölige Speisen u Getränke, Rohkost, „Sonnenobst“, Vollkorngetreide, Bio-Vollmilch, Frischkäse, frisches Obst u Gemüse.
  • Kapha-Typ (Wasser+Erde) / schwer: Hauptsitz ist der Magen; Kapha besteht aus dem Wasser-, sekundär aus dem Erdelement. Es wirkt durch das Immunsystem. Es kontrolliert den Wasserhaushalt, die Stabilität und Struktur der Körpergewebe u das Schmieren von Gelenken u inneren Organen. Hauptaufgabe ist hier der Schutz von Organen u Gewebestrukturen vor innerer Überhitzung / Reibung. Äusserlich schützt uns Kapha vor dem Eindringen von Kälte, Erregern und Fremdkörpern. Kapha verleiht uns Durchhaltevermögen, Energie sowie Robustheit u Selbstvertrauen. Kapha braucht strukturiertes Leben u viel Ruhe; Hauptbeschwerden: träge, müde, Verschleimung, Wasseransammlung.  Gute Ernährung: Bittere und scharfe Speisen.
Eingetragen am: 01.06.2018
Thema: Gäste berichten

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