Monsoon Wedding

Nicht über den indischen Film, der im Westen so gut ankam, hier in Indien dagegen kaum lief, will ich schreiben.
Sondern über eine ganz reale Hochzeit, wie sie hier stattfindet. Geheiratet wird das ganze Jahr über – nicht nur in der Monsoonzeit. Es gibt allerdings Monate, die von den Sternen her nicht günstig sind. In denen wird nicht geheiratet.
Hochzeit ist wohl die wichtigste Angelegenheit im Leben einer Inderin, eines Inders.
Mir wurde mal erklärt, dass mit der Geburt eines Mädchens die Eltern nur noch mit den Gedanken beschäftigt sind, wie sie ihre Tochter am besten verheiraten können. Was das für ein geschäftiges Treiben „da oben“ ist, bei mehreren Töchtern!

Benachteiligung der Frauen  in Indien – von der ja immer wieder berichtet wird, ist sicher ein Thema.
Hier in Kerala jedenfalls findet man sie nicht oder nur in dem Maße, wie überall auf der Welt.
Bis die Engländer kamen, herrschte hier ein Matriarchat. Entsprechend hoch war die Wertschätzung der Frauen. Dies ist bis heute spürbar.

Arranged marriage
Nun aber zur Hochzeit. Ehen in Indien sind auch heute, zu mindestens 95% sog. „arranged marriages“, d.h. die jungen Leute suchen sich nicht gegenseitig selbst aus. Es ist in erster Linie das Recht und auch die Verantwortung der Eltern, einen geeigneten Mann für die Tochter, bzw. eine gute Frau für den Sohn, zu suchen. Oft unter tatkräftiger Mithilfe der ganzen Familie bzw. Verwandtschaft. Es wird NUR in der eigenen Kaste gesucht. Auch wenn nach indischem Grundgesetz alle Menschen gleich sind, so sind sie in der eignen Kaste immer gleicher.
Ist man fündig geworden, werden erstmal die Horoskope zu Rate gezogen, ob es überhaupt einen Sinn hat, diese beiden jungen Menschen zusammen zu bringen. Sind die Horoskope „geneigt“, wird ein „proposel“ vereinbart im Haus der Eltern der jungen Frau. Der Mann nimmt sich männliche Verstärkung mit – Vater, Brüder, Onkels, Cousins. Man tauscht sich aus über Berufe. Sehr, sehr wichtig! Schließlich soll der Mann die Familie gut durchs Leben bringen. Aber auch die Frau soll heutzutage dazu beitragen können, Geld und Ansehen beizusteuern durch einen guten Job. Der große Moment rückt näher: Die evt. in Frage kommende Frau serviert den Tee. Die jungen Leute sehen sich das erste Mal. Im Beisein aller haben sie die Möglichkeit, kurz miteinander zu sprechen. Nach ca 10 Min. zieht sich die junge Frau wieder zurück. Und das war’s dann auch schon. Man verabschiedet sich.
Die jungen Leute können nun den ersten Eindruck verdauen und sich äußern. Ja, kann ich mir vorstellen – nein, will ich nicht, gefällt mir nicht ect. Hier in Kerala wird meines Wissens niemand zu einer Heirat gezwungen. Wenn allerdings schon mehrere „proposel“ im Sande verlaufen sind, wird der Druck entsprechend größer. Allerdings auch von den jungen Leuten selbst. Niemand kann sich hier vorstellen, unverheiratet durch’s Leben zu gehen. Die allgemeine gesellschaftliche Haltung dazu ist ganz eindeutig. Unverheiratet zu sein wird eher als Strafe denn als Freiheit betrachtet.

Falls also von beiden Seiten ein Ja kommt, setzt ein genauer Ablauf ein.
Nach ein paar Tagen besuchen nun die Männer (siehe oben) von „ihrer“ Familie, „seine“ Familie. (ich werde im folgenden nun immer diese Termini – ihrer bzw. seiner Familie gebrauchen, der Einfachheit halber).
Erst schaut man sich „sein“ Elternhaus an, um einen Eindruck zu bekommen, wohin denn die Tochter, Schwestern, Nichte…. kommen würde. Wohnen weitere Onkels, Brüder, Schwestern in der Gegend, schaut man da auch gleich vorbei. Wie sieht’s da aus, was arbeiten sie, welche Schulen haben sie besucht, bzw. werden besucht …. Und was halt sonst interessant ist, um sich ein Bild von der evt. zukünftigen angeheirateten Familie zu bekommen.
Ist man mit dem Eindruck zufrieden, startet die nächste Offensive!
Nun wird eine weibliche Truppe zusammengestellt – diesmal von „seiner „ Familie. Damen statten nun wiederum Gegenbesuche ab, schauen sich die zukünftige Frau an und … siehe oben.
Wird hier auch grünes Licht gegeben, schwärmen nun wieder die Männer „ihrer“ Familie aus. Sie erkundigen sich in der Wohngegend des Zukünftigen nach dessen Ruf. Wie beurteilen ihn die Leute, ist er arbeitsam oder eher ein Faulenzer. Evt. ein heimlicher Trinker oder was auch sonst für Eigenschaften zählen. Man will wissen, welches Ansehen die Familie hat, in welches Umfeld die junge Frau kommen wird.
Fällt durch dies „öffentliche“ Befragung die Beurteilung des jungen Mannes ungünstig aus, wird in der Regel alles Weitere abgeblasen.

Verlobung
Ist man dagegen zufrieden, wird ein Termin für die sog. Verlobung vereinbart. Dazu werden schon „ein paar“ Leute eingeladen, d.h. 150 – 200 Pers. kommen in der Regel. Das Wichtigste bei so einem „engagement“ ist die Festlegung des Hochzeitstermines durch einen Astrologen. Dann tauschen die Väter in einer Zeremonie die Horoskope der zukünftigen Brautleute aus.

Väter tauschen Horoskope aus

Ja und die dürfen anschließend auch noch Ringe tauschen.

Ringe tauschen

Anschließend erhalten alle Essen, die Brautleute werden nun das erste Mal gemeinsam fotografiert.

verlobungsessen.jpg

Bis zur Hochzeit werden sie sich nicht mehr sehen.!!
Seit einigen Jahren geht es den jungen Leuten recht gut: Sie können wenigstens miteinander telefonieren. Welch Segen durch die Technik!

 Dowry

Oh, ich hab ja ganz die Mitgift, die „dowry“ vergessen.
Diese darf lt. Gesetz nicht verlangt werden. Aber so gut wie niemand hält sich ans Gesetz. Im Gegenteil, die dowry ist oft der Dreh-und Angelpunkt. Wie viel wird die Braut in die Ehe mitbringen an Gold in Form von Schmuck, bekommt sie Grundstücke, Elektrogeräte, ein Auto? Die Höhe der dowry hängt natürlich von der Kastenzugehörigkeit, von der Schulbildung, bzw. dem Beruf das Mannes, dem sozialen und finanziellen Stand der Familie …. und von dem Aussehen der jungen Frau ab.
Ist sie hübsch, brauchen ihre Eltern nicht so tief in die Tasche greifen.
In der Regel verhandeln natürlich die Väter, doch auch die jungen Frauen selbst achten darauf, genug Gold zu bekommen. Die „Ornaments“ sind ihr ganzer Stolz und demonstrieren auch ihren Wert.

halsbander-1.jpg      bangels2.jpg

Verleiht ihnen Selbstsicherheit in der Ehe.
Wie ich mit bekomme, werden die Forderungen eher höher statt weniger. Auch wenn es immer wieder mal in den Medien heißt, dass auf die dowry verzichtet werden sollte.
Hier in Kerala sind mir keine Fälle bekannt, in denen eine junge Frau wegen nicht, bzw. zu wenig gegebener Mitgift misshandelt oder „zufällig“ verunglückt ist. Im übrigen Indien spielen sich deshalb sicher genug Tragödien ab.
Ich kenne hier auch einige junge Ehen, in denen es keine dowry gab.

So, nun weiter mit der wichtigsten Angelegenheit.
Nach der Verlobung ist es das wichtigste Anliegen der Eltern der Braut, das nötige Geld für die Hochzeit zu haben, bzw. zu arrangieren.
Ja, es ist nicht nur eine arranged marriage. Oft genug heißt es auch „we must arrange money“
Sind Grundstücke vorhanden, wird eines verkauft. Sonst borgt man sich Geld. Die Menge hängt von den finanziellen Möglichkeit der ganzen Großfamilie ab. Das bedeutet, dass Brüder oft einen Großteil der finanziellen Belastung übernehmen, um ihre Schwester/n zu verheiraten. Wenn der Vater, aus welchem Grund auch immer ausfällt, ist es die soziale Pflicht, dass der älteste Bruder an seine Stelle tritt.
Ich kenne mehrer Männer, die jahrelang ausschließlich dafür arbeiteten, um ihre Schwestern zu verheiraten. Die Frauen sehen dies auch als ihr absolutes Recht an. Sie kommen gar nicht auf die Idee, sich ein schlechtes Gewissen zu machen.
Die Verschuldung von Familien kann oft jahrlang schwer auf den Eltern, bzw. Brüdern lasten.

Vorbereitungen zur Hochzeit 

Die Hochzeiten finden immer in einer „marriage-hall“ statt. Dies sind Gebäude, die nur für Hochzeiten genutzt werden und  für diesen Tag gemietet. werden. Je nach Finanzen kann es eine recht einfache oder eine elegante sein. Sie sind wie ein Theatersaal angelegt und bieten 1000  – 1500 Personen Platz.

Auf jeden Fall ist es sehr wichtig, rechtzeitig die gewünschte „hall“ zu bestellen, da ja der astrologisch festgelegte Termin nicht so ohne weiteres verschoben werden kann.

Nun  steht der so wichtige Goldkauf an. In der Regel eine Woche vor der Hochzeit werden die Frauen der Brautfamilie gebeten, mit zum Einkaufen zu kommen. Neben der Mutter natürlich Tanten, Schwestern, Cousinen. 8 – 10 weibliche Beraterinnen sind meist mit von der Partie.

viel-beraten.jpg

Die Männer sind hier nicht so gefragt. Ein paar werden zum Autofahren und zum Zahlen mitgenommen.
Wie bereits erwähnt, wird zwischen den Familien schon vorher in ausgehandelt, wie viel Gold die Braut bekommt in Form von Halsketten, Armreifen, Bauchkette, Ohrringe und Fingerringe. Vor allem die Anzahl und Dicke der Armreife (bangels) spielt eine wichtige Rolle, um den Reichtum zu demonstrieren.

In der Kaste, in der ich zu Hochzeiten eingeladen werde, trägt eine Braut mindestens 400 – 700 g Goldschmuck mit 22 Karat.

Als nächstes steht der Kauf der Sarees (Sari) an. Die Braut braucht mindestens 5 neue Sarees –  natürlich  alle aus Seide. Der eigentliche Hochzeit-Saree hat immer ein traditionelles Muster mit Goldborte. Die Farbe, die gerade Mode ist, ist wichtig bei der Entscheidung. Die Qualität der Seide und des Goldfadens, sowie Breite der Borte und Verarbeitung des „Pallu“ bestimmen den Preis.

sarees-seide.jpg

Eingetragen am: 17.07.2007
Thema: Alle Artikel, Land und Leute

2 Kommentare zu »Monsoon Wedding«

  1. I feel so much happier now I undsretand all this. Thanks!

  2. Wonderful website. Plenty of helpful info here. I am sending it to a few pals ans also sharing in delicious. And certainly, thanks in your effort!

Haben Sie eine Frage oder einen Kommentar?